Erste und zweite Bauernzunft

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Titel der zweiten Bauernzunft von 1753: „Bauren Regell und Satzung loblicher Gemeindt Ersch“

Die erste Bauernzunft von 1535

Im Inventar des Gemeindearchivs von Erschmatt wird als erstes Dokument eine Bauernzunft oder ein Burgerstatut angeführt, das gegen-
wärtig leider fehlt und verschollen ist. Dieses Dokument trägt die Archivnummer B 1. Auf Umwegen erhielt ich zwar nicht das ursprüng-
liche interessante Dokument B 1, wohl aber eine maschinengeschriebene lateinische Abschrift des Originals, die jedoch den hohen Wert
seines Originals niemals zu ersetzen vermag. Immerhin sind wir schon für den Ersatz dankbar. Diese Bauernzunft ist noch sehr auf den dama-
ligen unersetzlichen Wert der Landwirtschaft ausgerichtet; wenn man diesem Umstand Rechnung trägt, vermag man die aufgestellten Sta-
tuten voll und ganz zu würdigen. Das Einburgern wird im ersten Artikel Auswärtigen erschwert. Mit Umsicht sucht man Schaden von den Zelg-
äckern fernzuhalten, wie er etwa durch Pferde, Kühe, Schafe und Ziegen verursacht werden könnte. Auf die Allmein darf nur eigenes
und kein gedungenes Vieh getrieben werden. Gemeindewiesen werden sorgfältig vor den Einzelnen geschützt. Bei Gelegenheit eines
Total Verkaufes soll auch der Kapelle etwas abkommen. Das Fällen von Bäumen in den Burgerwäldern ist zum Zwecke des Wegführens streng-
stens verboten. Der Sonntag und auch die Apostelfeste sollen für das Bewässern der Wiesen Ruhetage sein. Streitigkeiten unter Gemein-
dern soll man im Dorfe selbst schlichten, und zwar durch vier aufgestellte Männer. Im letzten und 13. Artikel behält man sich das Recht
vor, die Statuten jederzeit auch wieder umändern zu dürfen. Den Verordnungen gehen die üblichen Einleitungen voraus und es folgen am
Schluss die gewohnten Bekräftigungen.

aus: „Erschmatt, Bratsch und Niedergampel im Zenden Leuk“; Peter Jossen 1970, St.-Augustinus-Druckerei St. Maurice

Zweite Bauernzunft von 1753

Bauren Regell und Satzung löblicher Gemeindt Ersch

Unter diesem Titel finden wir ein ausgiebiges Dorfreglement der Gemeinde Ersch. Die entsprechende Urkunde trägt die Archivnummer
B 2, sie befindet sich im Gemeindearchiv von Erschmatt. Die Urkunde ist in deutscher Sprache abgefasst und geht auf das Jahr 1752 zu-
rück. In 33 Punkten und einem Zusatz wird das Leben in Dorf, Mattenund Äckern geregelt. Die Rechte eines Gemeinders vererben sich auf
seine Kinder, haben dafür aber auch etwas zu schwitzen. Der Erbe und auch der Eingekaufte haben der Gemeinde Treue und Wahrheit
zu geloben. Auf die Huotmarchen sollen die Huoter ihr besonderes Augenmerk werfen. Die Gewaltshaber der Gemeinde sollen den Bür-
gern die wichtigsten Zendenbeschlüsse unterbreiten, denn man will doch auf dem Laufenden sein. Der Störefried hat eine Kanne Wein zu
stiften. Wer Klagen auf dem Herzen hat, der soll vorerst beim Dorfrichter den Streithandel zu schlichten suchen, bevor er beim Zenden-
gericht Klage einlegt. Andere Nummern halten fremdes Vieh von den Allmeinen fern, andere sind zum Schutze der Wälder aufgestellt. In
andern will man Volk und Dorf gewissenhaft vor Feuersbrunst und einstürzenden Gemächern bewahren, ja sogar die Verschwendung ist
geächtet. Ohne authentische Schriften hat kein Fremder Aussicht, in die Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden. Wer seine Güter stän-
dig verkauft, bis er beinahe nichts mehr besitzt, dem wird der schäbige Rest auch noch abgenommen. In weiteren Punkten wird der Gebrauch
des Wassers, das Erstellen der Zäune, die Begrenzung des Weidgangs, das Mähen des Heues, das Aussäen des Korns, das Mistführen,
der Schutz der Äcker und Wiesen und die Beobachtung des Feierabends geregelt. Wir sehen, dass es sich hier um ein höchst interessantes Schriftstück handelt, das leicht den Glust zum Lesen weckt. Es handelt sich um eine Schrift, die viel Weisheit und Lebenserfahrung unserer Altvordern enthält, und die in zahlreichen Punkten noch heute von Bedeutung ist. Wieder gebe ich das Schriftstück nach Möglichkeit im Wortlaut wieder, was einige Worterklärungen empfiehlt.
Nemlich = nämlich, Befelch = Befehl, ernüwren = erneuern, derohalben = deshalb, gemelter = gemeldeter, kenne = könne, Gemeinners = Gemeinder, Kanneten Wein = Kanne Wein, einhöllig = einhellig, Treuw = Treu, beferderen = befördern, Gloggenzeichen = Glockenzeichen, Güetren Güter, Hausport = Haustür, Lugner = Lügner, griene = grüne, feilen fällen, Raufung = Rufung, Benamseter = Beauftragter, Feürsgefahr Feuergefahr, Gmächren = Gemächer, Scheür = Scheune, frembd = fremd, bestimpt = bestimmt, nit = nicht, hietten = hüten, eüwmeyen = Heumähen, ausgeseet = ausgesät, Augsten = August, Gerischell = kleine Steine, Bauw = Mist, Krauten = das Grasschneiden mit der Sichel, Füch = Vieh, die Gelte = unbewirtschaftetes Land, übertenige = überzählige, altgewohnliches = altgewohntes, Feürabend = Feierabend, etzen = ätzen, usw. Diese Urkunde B 2 geht auf eine ältere Urkunde zurück, wahrscheinlich auf die Urkunde Bl aus dem Jahre
1535, die im Archivinventar erwähnt wird; sicher aber geht sie auf die Urkunde B6 zurück, die tatsächlich von dem hier erwähnten Schreiber
Mathias Belwalt unterzeichnet ist und sich ebenfalls im Gemeindearchiv befindet.

Im Jahre des Heiles 1752

Im Namen unseres Herrn Jesu Christi. Amen! Im Jahr nach dessen heilsamen Geburt 1752, den 17. Herbstmonat, im Haus der löblichen Gmeind Ersch sind zusammengekommen die ehrenden und frommen Männer und Vorsteher selber löblicher Gmeind. Nemlich Antoni
Tscherrin und Stephan Hugo, jetzige Herren Gewaltshaber, Herr Weibel Peter Josef Hugo und andre Herren Vorsteher als Herr Fender Peter Promat, Peter Meichtrin, Antoni Hugo, Hans Hugo, Peter Hugo, Antoni Locher, Josef Sewer, Antoni Passeraud und ich unterschriebener Mathias Belwalt und andre mehr, welche obgesagte Vorsteher aus Befelch der ganzen löblichen Gmeind ratsam gefunden, die alte Baurenzunft und Regel (welche wegen einem ziemlichen Alter nicht mehr taugte und schlechtlich gehalten würde) in etwas zu ernüwren und etliche neüwe Punkte zuzusetzen, damit ein jeder Gemeinder sich wisse recht zu verhalten und denen selben in Abgang eines jährlichen Verbleibs, fleissig nachzukommen. Derohalben haben sie ungezwungen sondern ihres freyen Willens für sich und die Ihrigen zu Nutz und zur Erhaltung gemelter Gmeind, damit sie zum Besten kenne genutzet und gebraucht werden, nachfolgende Artikel, Satzungen oder Regeln für sich und ihre Nachkommenden, jederzeit zu halten angelobt, wie folgt:
1. Erstlich, dann hat man aufgesetzt und beschlossen, dass alle Kinder eines Gemeinners kennen die Gmeind brauchen und geniessen
im Leben und nach dem Tod ihres Vaters, wie doch mit Presentieren einer Kanneten Wein der ganzen Gmeind.
2. Item ist zu wissen, dass wann ein Hausvater gestorben ist und die Haushaltung zertrennt, und — die Haushaltung — zusammenbleibt, so soll das Beste in dem Haus die Gmeind erkennen und soll auf einem gmeinen Recht verbleiben, bis und solang, dass die Haushaltung unverteilt bleiben wird.
3. Item hat man einhöllig beschlossen und aufgesetzt, dass ein Erkenner oder eingekaufter Gmeinder dem Herrn Weibel solle die Hand geben mit Versprechen, der Gmeind Treuw und Wahrheit zu halten, allen Schaden abzuwenden und den Nutzen zu beferderen; sollen demselben auch die Regel und Satzungen und Ordnung vorgehalten werden, — derselbe — soll auch für 10 Pfund Matte auf der Huot oder Gmeind haben.
4. Item sollen alle Gmeinder Obsorg tragen über alle gmeinen Rechte im Feldgang, Holz- und Huotmärchen, bey Treüw der Gmeind.
5. Item hat man aufgesetzt und beschlossen, dass die alten Huoter jährlich den neüwen Huoteren sollen alle Huotmärchen zeigen.
6. Item hat man beschlossen, dass alle Abscheid und wichtigen Punkte der Zendenräte die Herren Gewaltshaber der löblichen Gmeind vortragen, damit ein gmeiner Ratschluss darüber känne gehalten werden. 7. Item hat man aufgesetzt, dass — auf das — nachgegebene
Gloggenzeichen alle Gmeinder im Dorf und in nächstliegenden Güetren bey der Gmeind erscheinen — sollen —, bey dem Pfand einer Kanneten Wein.
8. Item hat man beschlossen, dass kein Gmeiner in Anwesenheit der Gmeind einen Streit anfange, mit Straf nach Wichtigkeit und Schwere der Ursach, und welcher aber den andren innerhalb der Hausporten für einen Lugner schiltet, der soll um eine Kannete Wein gestraft werden.
9. Item hat man aufgesetzt, dass kein Gmeinder den andren wegen Scheltworten in Gericht tage, ohne sie haben zuvor die gewöhnlichen Gescheitrechte gebraucht durch den Weibel oder die vier Mann.
10. Item soll auch keiner eine Klage bey dem Richter einführen vor dem gewöhnlichen Gescheitweibel, bey Verlierung und Verfallung aller gmeinen Rechte.
11. Item hat man einhöllig verboten, dass keiner fremdes Vieh auf den gmeinen Feldgang dinge, mit Straf für das grosse Vieh vier Batzen, für das kleine Vieh aber einen Batzen für ein Haupt; für ein jedes vier Batzen und für das kleine einen.
12. Item hat man beschlossen und verboten, das griene lerchine Holz zu feilen in dem Jungholz, im Mittelwald und im obren Wald ausserhalb Baietsch, ohne Erlaubnis der Gmeind nach Ursach zu bauwen.
13. Item hat man verboten, dass keiner kein Holz seines Bauwholzes oder Brennholzes ohne Raufung und Erlaubnis der Gmeind ab der Gmeind führe.
14. Item hat man aufgesetzt und beschlossenr dass jährlich zweimal im Jahr die Herren Vorsteher oder Benamseten das Dorf visitieren und durchsuchen, ob keine Feürsgefahr und Abgang der Gmächren und verschwenderische Haushaltungen gefunden werden, und wann Einbruch des obgemelten sollte sein, so sollen solche nach getaner Ermahnung obgemelte Punkte bessern, in Abgang aber dessen, sollen sie gepfändet werden nach Ursach und Wichtigkeit des Falles.
15. Item hat man beschlossen und verboten, dass kein Feür oder brennende Fackel mit Liechtholz über die Gassen in die Raubgmächer oder Scheür und Stall getragen werde, oder von einem Haus zu dem andren ohne Bewahrung mit einem Feürtrog, bey Pfand von einem Sester Wein.  16. Item hat man aufgesetzt und beschlossen, dass kein frembdes Volk solle angenommen werden, ohne sie haben gute authentische Schriften, woher oder was Verhaltens sie seyen und werden zuvor erkennt, ob man sie vonnöten habe oder nicht, denn unsere in Gott ruhenden Voreltern haben ihr gewöhnliches Sprichwort:
Wann man keinen annimmt, so hat man keinen zu vertreiben.
17. Item hat man aufgesetzt und beschlossen, dass wann ein Gmeinner seine Güetter oder Matten auf der Huot alle verkaufte oder hinweggezogen hätte, und nicht mehr für zehn Pfund auf der Huot hätte, der soll beraubt sein der Gmeind, und gehören vom selben 3 Pfund der Gmeind, welche 3 Pfund zuvor der Kapelle zugehörig waren.
18. Item hat man geraten und ist verblieben, dass das Wasser im Loch durch die Mitte soll geteilt werden bis zum Fest des hl. Jakobi in der alten Zeit, hernach aber soll es zu dem Brunnwasser auf den Berg Ersch geschlagen werden, und soll an dem Fest unseres Herrn Fronleichnams das Wasser zu Russ geschlagen werden.
19. Item ist man verblieben, dass alle Zäune an allen umliegenden Allmeinen, wie auch alle gewöhnlichen Pfandzäune an bestimpten Tagen aufgerichtet sein sollen, wo aber selbes nit geschieht, sollen die dessen Saumseligen um einen Batzen gepfändet werden.
20. Item hat man gemacht und ist verblieben, dass keiner im Früeling vor bestimptem Tag vor dem Rufitürlein auffahre zu hietten, bey dem Pfand von 5 Batzen und im Herbst soll keiner vor dem Kastlerweg abhietten bis an den alten sant Michael oder bestimpten Tag, bey Pfand von 2 Batzen.
21. Item hat man einhöllig beschlossen, dass das Heüwmeyen an Ersch verboten seye bis zum Fest Maria Heimsuchung in der alten Zeit, ausgenommen, wer meyen kann ohne des andren Gut zu betreten, bey dem Pfand von 5 Batzen.
22. Item soll an dem Vorabend des Fests des hl. Bartholomei die obere Zeig ausgeseet sein und die andere Zeig sambt dem Kastler an dem letzten Tag Augsten, und hernach soll keiner dem andren auf Auwen, denn mit Pfand von einem halben Fischi Koren.
23. Item hat man verboten, dass keiner dem andren Stein oder Gerischell auf seinen Acker werfe, trage oder führe, bey Pfand von einem halben Fischi Koren.
24. Mehr hat man verboten, dass keiner zu stark nasser Zeit Bauw führe über des andren Acker.
25. Mehr ist verboten, dass keiner sein Ross ohne Maulkorb vorantreibe durch die Kommen und in der obren Zeig zu den Spuolen, bey dem Pfand von 5 Batzen.
26. Mehr ist bey den Zeigen verboten das Krauten vor dem Schneiden oder Hietten zwischen dem Koren mit Verfallung eines halben Fischi Koren.
27. Mehr ist verboten zu wachsender Zeit, dass kein Füch durch die Kommen oder durch die obre Zeig getrieben werde, bey Pfand von 5 Batzen.
28. Item soll auch keiner zu wachsender Zeit ein Ross ohne Maulkorb durch den untren Weg in das Kastler fahren, soll auch kein Holz aus dem Tal durch die Matten zur selben Zeit geführt werden, bey Pfand von 5 Batzen.
29. Mehr soll auch keiner einen gmeinen Platz, Strassen, noch Gassen, noch Gelte aufbrechen, noch an sich ziehen, weder verhausen, noch vertrengen, bey Strafe nach Grösse des Fehlers.
30. Mehr sollen die Huoter in acht nehmen, dass auf unserer Huot und Allmeinen kein frembdes Vieh gehütet noch geweidet werde, sonst sollen sie dieselben abtreiben und einen billichen Pfandschatz forderen, wie auch das übertenige gmeine Fich und steigende Pferd sollen abgetrieben werden und denselben zugeboten werden, bey Pfand eines Sesters roten Weines.
31. Mehr soll jährlich ein altgewohnliches Almosen von den Herren Vorsteheren zu bequemer Zeit eingezogen werden von einer jedwedren Haushaltung nach ihrem Belieben oder Vermögen.
32. Mehr ist zu Gesetz und beschlossen worden, dass an dem Feürabend nach Sonnenzugang keiner mehr in dem Bachofen feüren solle, damit der Sonn- und Feürtag nicht entunehret und das Feür bewahret werde.
33. Entliehen hat die obgemelte Gmeind ihr Vorbehalten, vollmächtig gewältig zu sein, jederzeit von obgemelten Punkten darzuo oder darvon zu tun nach ihrem Belieben.
Also abgeschrieben von seinem Original und von seiner Substanz noch darvon getan von mir
Peter Kalbermatter Schreiber
Item soll keiner auf des anderen Acher etzen, bey Pfand von einem Viertel Korn, zu wissen, dass obgemelte 10 Pfund für die Gmeind erhalten werden sollen auf des Vaters Guthaben oder gesetzt sein.
Aus dem ursprünglichen Dokumente vom Jahre 1752 übertragen durch Peter Jossen Pfr.